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Das Innovationsnetzwerk der Textilbranche

Im Gespräch mit Philipp Wichert, Innovation Manager bei der Zwissler Holding AG

Über Innovationen & warum man das Rad nicht immer wieder neu erfinden muss

Am Thema Innovation kommt praktisch niemand vorbei. Doch was macht echte Innovation aus? Gibt es eine best practice dafür und auf wessen Schreibtisch sollte dieses Thema liegen?

Wir haben Philipp Wichert, dem Innovation Manager der Dr. Zwissler Holding AG auf den Zahn gefühlt. Seit Januar ist er dort beschäftig, seit rund einem Jahrzehnt sammelt er schon Erfahrungen im Design und Aufbau ganzheitlicher Innovationsmanagementsysteme in der Industrie.

Interview

Herr Wichert, Sie sind nun seit fast 10 Jahren als Innovation Manager im Einsatz - Wie definieren Sie für sich den Begriff „Innovation“?

Leider ist der Begriff Innovation heutzutage medial sehr stark aufgeladen und wird inflationär verwendet. Dadurch wird er weitgehend sinnentleert, ähnlich wie z.B. bei den Begriffen „Digitalisierung“ oder „Nachhaltigkeit“. Ganz allgemein ist eine Innovation die erstmalige wirtschaftliche Anwendung einer neuen Problemlösung. Besondere Betonung liegt auf dem wirtschaftlichen Erfolg, der die Innovation von der reinen Erfindung einer Problemlösung abgrenzt und der aus unternehmerischer Sicht im Vordergrund steht. Erfolgreiches Innovieren erfordert also zweierlei Aktivitäten, die Erfindung, in unserer Welt häufig technischer Natur und die Suche nach einem geeigneten Markt bzw. Geschäftsmodell. In welcher Reihenfolge die Aktivitäten durchgeführt werden ist eigentlich egal, wichtig ist nur, dass sie zueinander passen. Ich betone das so stark, da gerade in Deutschland traditionell sehr viel Wert auf den technologischen Fortschritt gelegt und das Geschäftsmodell gerne mal vernachlässigt wird.
Innovationen können in allen Bereichen vorkommen - Produkte, Dienstleistungen, Produktionsverfahren, Verwaltungsprozesse, vieles Mehr und beliebige Kombinationen untereinander. „Neu“ ist dabei relativ, was in einer Branche erstmalig angewendet wird, ist in anderen Bereichen schon Stand der Technik. So verwenden wir z.B. Abstandsgewirke, die wir schon lange produzieren neuerdings auch in Gummistiefeln, wo diese bisher völlig unbekannt waren.

Kurz gefragt: Was macht ein Innovation Manager eigentlich?

Das ist gefühlt in jedem Unternehmen anders und hängt von vielen Faktoren ab, Unternehmensgröße, Strategie, Kultur, Produkt- und Technologiecharakteristika, Branchenstruktur etc. Bei der Dr. Zwissler Holding baue ich zudem das Innovationssystem komplett vom leeren Blatt aus auf. Das bedeutet, dass ich mich jetzt in der ersten Zeit viel mit der Gestaltung von Strategie, Strukturen und Prozessen befasse.

Da naturgemäß viele Innovationsprojekte scheitern ist es eine wichtige Aufgabe Strukturen zu schaffen, wie man effizient Informationen sammeln und Versuche durchführen kann. Dabei geht es darum möglichst schnell herauszufinden, welche Ansätze erfolgversprechender sind. Zudem soll die Kreativität gefördert und der Blickwinkel erweitert werden. Innovationsmanagement ist ganz klar eine Schnittstellenaufgabe, die verschiedenste Bereiche betrifft und einbinden muss.

Bei der Dr. Zwissler Holding wird aktuell ein Innovationsraum aufgebaut – wie kann man sich diesen vorstellen, was findet man dort alles und wie kommt er zum Einsatz?

Das finale Konzept steht leider noch nicht komplett, aber so viel kann ich schon verraten: der Raum ist verhältnismäßig groß und soll multifunktional für die verschiedensten Einsatzzwecke verwendet werden: Showroom, Testlabor für Produkte, Kreativraum, Projektcockpit, Veranstaltungssaal etc. Ich möchte daher die Einrichtung möglichst flexibel und adaptiv gestalten. Dann kann je nach Gruppengröße, Aufgabenstellung und Zweck der Raum schnell umgebaut werden. Ich orientiere mich dabei lose an den Gestaltungsansätzen des Design Thinking.

Wie funktioniert das Innovieren bei der Dr. Zwissler Holding eigentlich?

Innovation hat seither einen hohen Stellenwert, was z.B. die lange Liste an Anwendungsbereichen zeigt, die wir uns nach und nach erschlossen haben. Allerdings konnte früher als echtes KMU schnell und unkompliziert mit der Hand am Arm entwickelt werden. Nach Jahren des Wachstums und der Internationalisierung sind in allen Bereichen mehr arbeitsteilige Organisation und Prozesse notwendig. Das betrifft natürlich auch die Organisation der Innovation, vor allem da in unserer Wachstumsstrategie das Erschließen neuer Märkte mit unseren aktuellen Kompetenzen ganz weit vorne steht.

Speerspitze bei der Innovation sind auch bei uns Entwicklung und Vertrieb mit der Umsetzungs- und Vermarktungskompetenz für neue Produkte. Aber Innovationen müssen in einer erfolgreichen Firma überall stattfinden. Jeder kann etwas verbessern, vor allem wenn er nicht nur an seinen Aufgabenbereich, sondern an das Zusammenspiel mit anderen Bereichen denkt. Darüber hinaus sind es oft Leute aus anderen Bereichen, die ohne Betriebsblindheit (der wir alle unweigerlich zum Opfer fallen) Verbesserungspotentiale erkennen. Daher haben wir begonnen gezielt Offenheit, Kreativität und Austausch zu fördern, um sukzessive eine umfassendere Innovationskultur zu etablieren.

In der heutigen, immer komplexeren und vernetzten Welt finden Innovationen zudem häufig an den Schnittstellen statt und kaum jemand kann alle notwendigen Kompetenzen allein aufbringen. Daher wollen wir vermehrt mit externen Partnern, auch branchenübergreifend, zusammenarbeiten. Mit unserem Leitgedanken „Discover Textile Disruption“ möchten wir dazu einladen, mit uns gemeinsam neue Wege zu erkunden und an der Gestaltung der Zukunft zu arbeiten.

Design Thinking, TRIZ, Co-Creation, die Liste der Techniken zum Innovieren ist lang – haben Sie eine favorisierte Technik? Wenn ja, welche und warum?

Ich sehe die verschiedenen Techniken eher als Teil eines Werkzeugkastens an, aus dem man sich je nach Aufgabenstellung bedient. Beispielsweise ist Design Thinking sehr stark in der explorativen Phase der Analyse, aber weniger geeignet zur Ideenfindung, -bewertung und Umsetzung. TRIZ dagegen hat gerade dort seine Schwerpunkte. Ich finde es wichtig sich über das Spektrum möglicher Methoden und deren Stärken und Schwächen bewusst zu sein. Selbst wenn man eine Methode nicht beherrscht kann man sich für die Anwendung Experten einladen.

Wie sehen Sie die Chancen für die Textil-Branche wenn es um (Produkt) Innovationen geht?

Ich bin noch nicht so lange in der Branche aber bereits völlig fasziniert von den Möglichkeiten und der Vielfalt der Anwendungen. Wenn überhaupt, dann hat die Branche Verbesserungsbedarf bei der Selbstvermarktung. Textil ist in Deutschland immer noch in erster Linie mit Bekleidung konnotiert und nicht mit technischen Textilien, wo die großen Potentiale, insbesondere für deutsche Unternehmen liegen.

In welcher Abteilung sollte man das Innovation Management Ihrer Meinung nach ansiedeln und welche Fähigkeiten/ Hintergrund sollte ein Innovation Manager auf jeden Fall mitbringen?

Das hängt wieder stark von der Ausrichtung der Stelle ab. Um möglichst gut viele Schnittstellen bedienen zu können, ist eine Einordnung an zentraler Stelle sinnvoll. Um eng in strategische Themen eingebunden zu sein, sollte das Innovationsmanagement nah an der Geschäftsleitung angesiedelt sein. Als Stabsstelle muss man dann natürlich größere Anstrengungen unternehmen um Anschluss an die operativen Abteilungen zu bekommen.

Innovationsmanagement ist ganz klar eine Schnittstellenaufgabe

Philipp Wichert, Dr. Zwissler Holding AG

Der fachliche Hintergrund ist tendenziell weniger wichtig. Unwissenheit schadet sogar nicht, weil man dann mit frischem Blick an Themen herangeht und nicht der Betriebsblindheit zum Opfer fällt. Wichtig sind vor allem Vernetzungs- und Schnittstellenkompetenz, kreatives Arbeiten mit Menschen, schnell neue Sachverhalte erfassen und technologische Zusammenhänge verstehen zu können.
Vielleicht ein paar Worte zu meinem Hintergrund, ich habe technische BWL in Aachen und an der FernUni Hagen studiert und über Seminare und Abschlussarbeiten die ersten Erfahrungen im Innovationsmanagement gemacht. Parallel zu meinem Masterstudium habe ich am Fraunhofer IAO in Stuttgart an Projekten dazu gearbeitet. Danach habe ich in verschiedenen Branchen junge Innovationsmanagement-Abteilungen mit aufgebaut und darf jetzt das Innovationsmanagement bei der Dr. Zwissler Holding sogar komplett von Anfang an gestalten.

Was in einer Branche erstmalig angewendet wird, ist in anderen Bereichen schon Stand der Technik

Philipp Wichert, Innovation Manager, Dr. Zwissler Holding AG

Was ist die wichtigste Aufgabe des Innovation Managements in Ihrer Firma?

Sie waren in verschiedenen Firmen nun schon im Einsatz. Welche Fragen sollte sich ein mittelständisches Unternehmen unbedingt stellen, wenn es sich mit diesem Thema auseinandersetzt? Welche Fragen sollte es sich nicht stellen?

Grundsätzlich gilt für Innovationsmanagement wie für alle anderen Bereiche auch, dass es Sinn machen und Mehrwert generieren muss. Allerdings sind Aufgabenbeschreibung und Erfolgsmessung nicht so einfach wie beispielsweise bei einem weiteren Vertriebsmitarbeiter, um eine Region stärker zu bearbeiten. Ein Innovationsmanager trägt in der Regel nicht zum heutigen Umsatz bei. Im Gegenteil, er bindet häufig sogar Ressourcen für Zukunftsprojekte, die dann für das Tagesgeschäft nicht zur Verfügung stehen.
Daher ist es für Unternehmen wichtig sehr klare Vorstellungen über die Ziele, die angestrebten Mehrwerte und adressierten Herausforderungen zu haben bevor ein Innovationsmanagement strukturiert angegangen werden kann. Ein Innovationsmanager als „Maskottchen“ für Marketingzwecke, weil man solch einen Mitarbeiter heutzutage nun einmal hat oder um vor den Banken gut dazustehen, ist einfach zu teuer und wird sehr schnell unglaubwürdig, wenn kein strukturiertes Konzept und keine Ergebnisse kommuniziert werden können.

Das place2tex Team bedankt sich bei Philipp Wichert und wünscht weiterhin viel Erfolg beim Innovieren!

About Zwissler Holding AG

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Zur Zwissler Holding AG zählen 15 international tätige Unternehmen, die in den Bereichen Flächenerzeugung von technischen Textilien, Herstellung von Sonnenaußen- und Sonneninnenschutzprodukten und in der Herstellung von und Handel mit Heimtextilien, Wohn-Accessoires und Fashion tätig sind.
 

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